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Artikel vom 15.02.2019

Abdankung

Mit Video-Link + nachträglich bearbeitet!

Adieu Tomi Ungerer

«Les obsèques» (Abdankung) von Tomi Ungerer im Strassburger Münster hatte einen enormen Zulauf

Von Jürg-Peter Lienhard



Das riesige Kirchenschiff der Strassburger Kathedrale vermochte kaum die vielen Trauergäste zu fassen. Blick von den Reihen der speziell eingeladenen Abdankungs-Teilnehmer auf die extra hergerichtete Bühne über dem Hochaltar. Die Projektion auf dem Segeltuch schien zu vermitteln, dass der Geist Tomis der Trauerfeier vom Jenseits aus zusehe… Photo © foto@jplienhard.ch 2019


Wo normalerweise nie so viele Teilnehmer einen Gottesdienst im Strassburger Münster beiwohnen, platzte es vor Publikum an der Abdankung von Tomi Ungerer am Freitagmorgen, Freitag, 15. Februar 2019, beinahe aus den Nähten: Alles was im Elsass Rang und Namen in Kunst, Literatur, Politik hat, sowie etliche hochrangige Vertreter des ausländischen diplomatischen Corps fanden sich in diesem mächtigen Wahrzeichen Strassburgs ein. Für mehr hier klicken:

Während draussen eine milde Wintersonne unter stahlendem Himmel eine angenehme Wärme verstrahlte, war es im Inneren dieses über eintausend Jahre alten romanisch-gotischen Sakralbaus eisigkalt. Gleichwohl harrten die Teilnehmer während der über eine Stunde dauernden ökumenischen Trauerfeier erstaunlich diszipliniert, und es gab auch keine vorzeitigen Abgänge.

So waren die Künstler um Roger Siffer dick in Mäntel und Halstücher eingemummelt, als sie Tomi Ungerers Lieblingslied «Die Gedanken sind frei» vortrugen. Roger Siffers Cabaret «Chocrouterie» an der Place St-Louis 20 genoss seit Jahrzehnten die Freundschaft und Unterstützung Ungerers: Die dazugehörende Künstlerbeiz war sogar der Schauplatz, als der damalige französische Kulturminister Jack Lang an einem Künstlerfest Tomi Ungerer den «Ordre du mérite» aus Paris mitbrachte und ihm an die Brust heftete.

Die Abdankungs-Predigten an der ökumenischen Trauerfeier wurden gehalten vom protestantischen Theologen Christian Krieger und vom Erzpriester der Kathedrale, Michel Wackenheim, der sowohl französisch, deutsch und im Strassburger Dialekt sprach, assistiert vom Curé François Muller. Der Strassburger Erzbischof Luc Ravel erteilte den Segen auf Französisch. Der Lutheraner Christian Krieger beschrieb Ungerer als einen «großen Künstler», der sich über alle Grenzen hinwegsetzte. Ungerer sei ein «unverschämtes Kind unserer Stadt, das Strassburg sehr liebte» gewesen. Darüber hinaus könne man ihn am besten als einen «Liebhaber des Lebens» verstehen. Mit seinem Werk habe Ungerer die Menschen dazu gebracht, sich Gedanken zu machen - «über uns selbst, über unsere Geschichte und über unsere Identität hier im Elsass», sagte Krieger.

Der Erzpriester Wackenheim bezeichnete den Künstler als «grossen Elsässer», was auch der Bürgermeister Roland Ries in seiner Würdigung unterstrich. Strassburg sei stolz, dass man seinen grossen Sohn noch zu dessen Lebzeiten mit einem nur ihm und seinem Werk gewidmeten Museum ehrte. Für Ries war Ungerer ein «Kind des Krieges», und seine rebellische nonkonforme Lebensauffassung sei in diesem Wechselbad des Hin und Hers des jeweiligen Zeitgeistes entstanden. Ob sich die Zuhörer dabei bewusst waren, dass Tomi Ungerers kreativer «Ameisenfleiss» (Erzpriester Wackenheim) heute als «posttraumatische Belastungsstörung» diagnostiziert wird, muss hier nicht untersucht werden. Auf jeden Fall ist der sprichwörtliche Mutterwitz der (alten) Elsässer (z.B. Germain Muller und Roger Siffer) in diesem «Wechselbad des Zeitgeistes» buchstäblich gewaschen worden…

Gemäss dem TV-Sender France 3 - Alsace wünschte Ungerer, dass seine Asche zwischen Strassburg und Irland aufgeteilt wird, wo er seit 1976 mit seiner dritten Frau lebte. Zeitgleich mit Strassburg wurde auch in Ungerers Zweitwohnsitz Cork in Irland von Familienangehörigen eine Abdankungs-Trauerfeier abgehalten. Die Asche des in seinem irländischen Wohnort Cork kremierten Zeichners wurde gemäss seinem Testament in zwei Urnen abgefüllt, die in Cork und in Strassburg bestattet werden sollen.

Die dritte französische Senderkette France 3 hat die ganze Abdankungs-Feier aufgezeichnet (Link am Schluss) und in einer Gesprächsrunde im Studio auch kommentiert. Diese Aufzeichnung ist eine professionelle Meisterleistung, zumal sie in kürzest möglicher Produktionszeit dem Handlungs-Szenario lückenlos folgte und es mit einfühlsamen Schnitten an der richtigen Stelle und cinematografisch anmutenden Aufnahmen pietätvoll künstlerisch realisierte.

Hinzu kam die Gestaltung vor dem Hochaltar, wo ein riesiges dreieckiges weisses Gazetuch wie ein Segel gespannt war, auf die das Porträt von Tomi Ungerer projiziert wurde. Die Webart der Textilie nahm dem Bild die Schärfe und vermittelte so den Eindruck, als schwebte Tomis Geist über der Szene.

Seit Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 ist die Strassburger Kathedrale ein katholisches Gotteshaus. Die Abdankungs-Zeremonie wurde aber katholisch, evangelisch-reformiert lutherianisch und elsässisch-jiddisch abgehalten, und Predigten und Reden abwechslungsweise französisch, englisch, deutsch und elsässisch gesprochen.

Während sowohl die Ober- wie Unterelsässische Politikprominenz prominent vertreten war, war jedoch kein Politiker aus Paris und kein Minister angereist! Hingegen nahm der deutsche Botschafter Rolf Mattel an der Trauerfeierlichkeit teil.

Ein Wort zur Musik: Es gab zwei Einlagen mit Orgel und Oboe, eine gewiss ungewöhnlich Besetzung mit Pascal Reber, Orgel, und Joëlle Stussi, Obeoe. Doch der Organist spielte lautstärkenmässig derart zurückhaltend, dass auch die anderen Stücke eine unglaubliche Wirkung entfalten konnten. Die berühmte Silbermann-Orgel, eine Schwalbennest-Orgel, die gewissermassen wie ein Schwalbennest an einem der mächtigen Pfeiler angebracht ist, ist an sich schon eine Augenweide. Die Akustik der Kathedrale ermöglichte aber ein Hörerlebnis, wie es im Video von TV FR 3 oder auch am Radio nicht wiedergegeben werden kann. Es setzte der spirituellen Stimmung der Abdankung die Krone auf. Ein Orgelkonzert im Strassburger Münster wäre eine Reise wert…

Die gespielten Stücke:

Pascal Reber an der Orgel
Joëlle Stussi, Oboe


• «Poème symphonique» von Charles Koechlin (ein Sohn des Dreilandes!)
• «Aria» von Frédéric Adam (1904–1984), Kompnist und Dirigent der Strassburger Oper
• Orgel-Improvisation «Ich hatt’ einen Kameraden»

Frédéric Adam

Der elsässische Dirigent, Komponist und Korrepetitor an der Strassburger Oper, Frédéric Adam, ist am 4. Januar 1904 in Hinsbourg («Hinschburi») im Nord-Elsass geboren und starb am 7. September 1984 im unterlelsässischen Illkirch-Graffenstaden. Nach seinen Studien in Strassburg und in Paris wurde er Korrepetitor am Opernhaus Strassburg, eine Stelle, die er von 1933 bis 1972 innehatte. In dieser Zeit war er auch Co-Direktor von 1955–1960 und von 1960–1972 leitender Direktor.

Adam inszenierte die ersten Opern-Produktionen bedeutender Werke in Frankreich, unter anderen «Wozzeck» (1959), «Il prigioniero» (1961), «Ein Mitternachtstraum» und «Die Frau ohne Schatten» (1965). Seine Kompositionen umfassen Ballett, Symphonien und zwei Opern, «Judith» (1948, Strassburg) und «Le voyage vers l’étoile» (1954, Strasbourg).



Fotoreihe von der Abdankungsfeier: Alle Photos © foto@jplienhard.ch 2019






Die Ankündigung der Abdankungs-Feier hat einen enormen Zuspruch gefunden. Die Familienanghörigen Tomi Ungerers in der vordersten Reihe und in der Bildmitte mit Hut: Die dritte Ehefrau Yvonne.




Der protestantische Theologe Christian Krieger und der Erzbischof von Strassburg Luc Ravel.




Der Elsässer Barde Roger Siffer (links) zusammen mit seinen seit Jahren mitwirkenden Kabarettisten in der «Chocrouterie» singen gemeinsam Tomi Ungerers Lieblingslied und gleichsam dessen Motto: «Die Gedanken sind frei…» Von links: Cathy Bernecker, Roger Siffer und seine Frau Suzanne Mayer, Clémentine Duguet, Jean-Pierre Schlagg, begleitet von Erwin Siffer am Elektro-Piano (nicht auf dem Bild). Im Bild links unten: Erzpriester Wackenheim, der auch die Zeremonie leitete.




Roland Ries der amtierende Bürgermeister von Strassburg bezeichnete Tomi Ungerer ebenfalls als seinen persönlichen Freund.




Das dem Cabaret angegliederte Restaurant in der ehemaligen Choucroute-Fabrik ist der beliebteste Treffpunkt der Strassburger Künstler. Die Wände sind vollgepflastert mit Zeichnungen Ungerers oder Reminiszenzen von bedreundeten Kunstschaffenden.




Tomis Einweihungs-Geschenk an die «Choucrouterie»: Alsatia auf einer Choucroute-Platte, respektive auf einer Strassburger Wurst reitend… Eine berühmt gewordene Allegorie mit Augenzwinkern - beider Augen…


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

https://www.youtube.com/watch?time_continue=5865&v=_cWR2hBINQA

http://www.webjournal.ch/article.php?article_id=1429

http://www.webjournal.ch/article.php?article_id=923

http://www.webjournal.ch/article.php?article_id=352



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