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KulturSchweigen

Artikel vom 23.10.2008

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Ottokars Cinétips

Sieh' Neapel und stirb…

«Gomorrha», nach dem Aufsehen erregenden Realreport über die neapolitianische Mafia von Roberto Saviano ab Donnerstag, 23. Oktober 2008 im Kino «Eldorado» in Basel

Von Ottokar Schnepf



Der authentischste und unsentimenalste Mafiafilm aller Zeiten kippt uns das Übel vor die Augen wie die Mafia den Giftmüll in die Landschaft.


Die Mafia hat Filmgeschichte geschrieben. Über 100 Filme über dieses organisierte Verbrechen sind bis jetzt entstanden. Zwei Regisseure haben sich dabei ganz besonders hervorgetan: der Amerikaner mit sizilianischen Wurzeln Martin Scorcese und der Italiener Francesco Rosi. Jetzt kommt eine ganz neue Art Mafia-Film in die Kinos: Matteo Carrones «Gomorrha».

Scorceses «Good Fellas» gibt uns einen gleichzeitig faszinierenden wie abstossenden Blick ins New Yorker Mafialeben der Jahre 1955–1980, in «Casino» breitet sich in pulsierenden Details die Mafia in Las Vegas aus.

Doch der Mafiafilmspezialist Scorcese hat einen neuen Mafiastoff auf Lager. Wieder mit seinem Lieblingsschauspieler Robert De Niro in der Hauptrolle will er das Mafiabuch «I Heard You Paint Houses» von Charles Brandt, in dem es auch um den Mord an Jimmy Hoffa geht, auf die Leinwand bringen.

Im Gegenzug entstanden bereits in den sechziger Jahren Mafiafilme unter der Regie von Altmeister Francesco Rosi. «Mani sulla citta», «Il caso Mattei», «Lucky Luciano» und «Cadaveri eccellenti» zeichnen sich im Gegensatz zu Scorceses Hollywood-Filme durch mehr Realismus aus und beschreiben Ursachen innerhalb einer korrupten Gesellschaft.

Mit all diesen Filmen aber hat der vorliegende «Gomorrha» nichts zu tun. Hier geht es nicht um Bosse und ihre Machtkämpfe, sondern um die kleinen Camoristi, die in heruntergekommenen Wohnblöcken wohnen. Matteo Garrones nach dem Bestseller von Roberto Saviano entstandenes Oeuvre ist auch kein Spielfilm im üblichen Sinn, es schildert an Originalschauplätzen rund um Neapel gedrehte semifiktionale Geschenisse.

In fünf ineinander verschachtelten Episoden folgt «Gomorrha» einem aalglatten Geschäftsmann, der illegale Endlager für Giftfässer organisiert, und zwei Jugendlichen, die Brian De Palmas Mafiafilm «Scarface» mit der Wirklichkeit verwechseln. Da ist auch Pasquale, der in den geheimen Fabriken illegal Designermode herstellt, und der 13-jährige Toto, der für einen anderen Clan arbeiten will als sein Vater.

In diesen Episoden verhandelt Garrone die Kerngeschäfte der Gomorra: Giftmüllentsorgung, Textilhandel, Prostitution, Drogen, Schmuggel, Erpressung, Mord. Das Panoramabild des universellen Universums (und seiner legalen Komplizen) ist in veristischem Stil inszeniert, blutig und spannend und ganz nahe an den Figuren.

In Rosis «Die Hände über der Stadt» aus dem Jahr 1963 heisst es im Abspann: «Die Personen und ihre Handlungen sind erfunden, die soziale Realität hingegen ist authentisch.» Das könnte auch das Motto von «Gomorrha» sein.

Die Camorra hat in Europa in den letzten 30 Jahren 4000 Morde begangen. Ein Toter alle drei Tage.

Die Gewinne aus den illegalen Geschäften werden weltweit legal wieder angelegt. Die Camorra investiert auch in den Wiederaufbau von Ground Zero in New York.





Zwei Jugendliche finden ein Waffenversteck der Mafia und spielen Kino pur.




Der Bestseller-Erfolg seines Reportageromans «Gomorrha» hat den Autor Roberto Saviano auf die Todesliste der neapolitanischen Mafia katapultiert. Jetzt sucht er, auf Schritt und Tritt verfolgt und deshalb ständig unter Polizeischutz stehend, ein Versteck und meint verzweifelt: «Hat sich das überhaupt gelohnt?»

Von Ottokar Schnepf


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